Ev.-ref. Kirchengemeinde Heiden
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Gedanken für den Tag

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. 2. Korinther 5,10 (Spruch für die Woche nach Volkstrauertag)

Der Volkstrauertag wurde kurz nach dem ersten Weltkrieg eingeführt. Menschen, die im großen Krieg keinen Verlust zu beklagen hatten, erklärten sich solidarisch mit den Hinterbliebenen der Gefallenen. Reichstagspräsident Paul Löbe, der 1922  in Berlin auf der ersten offiziellen Gedenkfeier sprach, warb eindringlich für eine „Abkehr vom Hass".
   Durch die Nationalsozialisten wurde der Volkstrauertag zum Heldengedenktag umgewidmet. Die Taten der gefallenen Soldaten wurden zunehmend als heroisch verklärt. Der gefallenen jüdischen Soldaten des ersten Weltkrieges wurde aber nicht länger gedacht, da sie ja nicht mehr zur „NS-Volksgemeinschaft" gezählt wurden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge führte 1952 den Tag wieder als nationalen Trauertag ein und grenzte sich von den Ritualen des Heldengedenkens ab. Seitdem wird an diesem Tag auch der zivilen Opfer sowie der Menschen, die in Diktaturen getötet werden, gedacht.
   Der Volkstrauertag ist wie ein Stein im Schuh des Kirchenjahres. Wie ein unangenehmes Scheuern unter der Fußsohle erinnert er an das, was man schon mal gerne verdrängt: Wir tragen mit an der Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit. Krieg und Gewalt sind leider nach wie vor aktuell.
Im Gedanken an ein Weltgericht am Ende der Zeit liegt auch ein gewisser Trost. Adolf Hitler hat sich durch Selbstmord den weltlichen Gerichten entzogen. Und so ist es gut zu wissen, dass er irgendwann vor Jesus Christus stehen wird als einem Richter, der schon zu Lebzeiten nicht nur für seine Sanftmut, sondern auch für seinen heiligen Zorn bekannt war.
Offenbarung heißt Enthüllung. Die stillen Verbrechen, das heimliche Grauen werden offen gelegt werden irgendwann. Verdrängen, Verschweigen und Vertuschen sind auf die Dauer weder für eine Gesellschaft gut noch für verwundete Seelen. Wer offen ist, dem fällt es auch leichter, Gott ins Gesicht zu schauen.
Pfarrerin Annette Müller

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